8. – 10. Schuljahr

Udo Klinger

Gut riechen oder aufregend stinken

Warum uns das Riechen tief zurück in unsere animalische Geschichte führt

Das Animalische. Oft verleugnet, herabgesetzt, geächtet und gefürchtet, ist es doch stets präsent! Und es ist mächtiger und wirkungsvoller, als viele wahrhaben wollen. Es schlummert im Verborgenen, gut versteckt und teilweise verdrängt und bricht sich doch immer wieder manchmal ganz unvermittelt Bahn. In seiner Urgewalt, aus der Tiefe einer Millionen Jahre zählenden Entwicklung wirkend, ist es von einer Stärke, die Widerstände locker überwindet und den kleinen Bruder Rationalität lässig in die zweite Reihe verweist.
Worin zeigt es sich? Von den in Frage kommenden Phänomenen bietet sich nicht zuletzt ein tief verwurzelter Wirkmechanismus an, der alle Lebensbereiche berührt, die Nahrungssuche genauso wie die Partnerwahl, die Fortpflanzung, das soziale Leben in der Gemeinschaft ebenso wie das ganz persönliche Wohlbefinden. Die Rede ist vom Riechen und Stinken, von den Düften und Dünsten, vom Mief und vom Beschnuppern, vom Geruch oder ganz allgemein und hübsch fachlich ausgedrückt: von unserem olfaktorischen Sinn.
Riechen ist Aneignung von Welt
Im Gegensatz zu unseren anderen Sinnen nehmen wir beim Riechen (und Schmecken) immer ein Stück Welt in uns auf. Als Substanz! Zunächst stofflich, dann als Idee, begrifflich. Damit bauen wir unser persönliches Geruchsinventar auf. Ist dieses olfaktorische Archiv erst einmal vorhanden, können wir Geruchsempfindungen auch indirekt, z.B. über die Sehsphäre oder beim Lesen von Texten, auslösen. Zeichen vermitteln Gerüche. Ikonisch, über Bilder oder durch Nachahmung, wenn wir etwa beim Anblick einer Zitrone das passende Geruchsempfinden aktivieren, oder indexikalisch, indem etwa die Utensilien einer Parfümerie, Gesten oder Mimik auf Gerüche verweisen.
Aber das allein macht noch keine „Geruchssprache aus. Dazu müssen wir die Zeichen und Symbole unter Nutzung unserer Fantasie, unserer Erfahrungen und Geruchserinnerungen ausdeuten. Dabei können wir den aktiven, subjektiven Weg gehen und Gerüche direkt erfassen, erschnuppern.
Wir eignen uns Welt also ganz aktiv an und inkorporieren dabei auch Teile anderer Menschen was für eine direkte Kommunikation! Buch und Film „Das Parfum zeigen das sehr eindrücklich. Zumindest in der Fiktion lässt sich der Geruch eines Menschen als das Wesen seiner Existenz, als animalische Essenz in einen Flakon füllen (vgl. die Rezension zum Begleitmaterial des Films im Kasten „Material zum Thema).
Egal was riecht manchmal machts allein die Menge
Die Essenz eines Menschen in einem kleinen Flakon? Das erscheint zunächst nicht viel. Nun reichen auf der einen Seite bereits kleinste Mengen, im Extremfall ein einziges Molekül, um eine Geruchsempfindung hervorzurufen. Auf der anderen Seite können uns Gerüche erschlagen, Gestank wird unerträglich, auch wegen der schieren Menge. Und dafür gibt es ein Maß!
Ein Olf ist die Geruchsbelastung, die von einem Normmenschen (erwachsene Person mit einem Hygienestandard von 0,7 Bädern pro Tag, 1,8m² Hautoberfläche und bei sitzender Tätigkeit) ausgeht. Das Olf (lat. olfactus: Geruchssinn) wurde 1988 als Maßeinheit zur Bewertung der Stärke einer Geruchsquelle eingeführt. Zum Vergleich: ein Sportler kommt auf 30 Olf, ein Schüler auf 2 Olf.
Noch genauer ist die DIN-Norm. Die Europäische Geruchseinheit EROM, heute die in Europa übliche Maßeinheit zur Quantifizierung von Gerüchen, wird in der Norm DIN EN 13725 standardisiert. Dabei entspricht ein EROM 123 µg n-Butanol. Darauf basierend wird als Europäische Geruchseinheit die Menge an Geruchsstoffen verstanden, die nach Verdampfen in 1m3 Neutralluft unter Normbedingungen die gleiche physiologische Reaktion in einer Gruppe von Prüfpersonen hervorruft wie 123 µg n-Butanol.
Designte Geruchswelt
Und dann sind da die Protagonisten einer designten Welt. Sie gehen davon aus, dass wir ganz Herr unserer Sinne, unserer Entscheidungen...

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