9. – 10. Schuljahr

Karl-Martin Ricker

Pflanzen brauchen Mineralsalze

Auf den Spuren von Justus Liebig, Fritz Haber und Carl Bosch

„Das sieht ja gar nicht lecker aus, denke ich. Vor mir steht eine Schüssel mit graubrauner Buchweizengrütze. Auch meine Schülerinnen und Schüler möchten nicht unbedingt probieren. Ich schiebe mir beherzt den ersten Löffel in den Mund und beginne zu kauen. Ich will ja Vorbild sein. Zu einem genießerischen Gesichtsausdruck muss ich mich jedoch zwingen. Die Buchweizengrütze schmeckt etwa so, wie sie aussieht: fade. Die meisten Jugendlichen legen den Löffel rasch wieder neben die Schüssel. Wir befinden uns im Freilichtmuseum am Kiekeberg bei Hamburg und haben uns ein paar Stunden lang mit dem Landleben vor 150 Jahren befasst. Das war bisher sehr spannend und lehrreich, aber die Grütze ...! „Die gab es damals fast täglich zum Frühstück, manchmal mit einem Schuss Milch versetzt, selten mit Honig oder Obst. Wohlhabende Bauern konnten es sich mit Butter oder Speck verfeinern, erklärt uns die Museumspädagogin, „für euch habe ich aber Zucker und Zimt. Mit dieser modernen, geschmacklichen Optimierung schmeckt sie mir und den meisten Jugendlichen jetzt auch. Aber täglich?!
Buchweizen: Essen armer Leute
Buchweizen ist kein Getreide, auch wenn der Name es vermuten lässt. Der Echte Buchweizen (Fagopyrum esculentum) gehört vielmehr zur Familie der Knöterich-gewächse. Dieses sogenannte Pseudogetreide wurde vermutlich zuerst in China als Nutzpflanze kultiviert. In Mitteleuropa ist diese Kulturpflanze seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar. Ab dem 16. Jahrhundert wurde sie überall in Europa angebaut, wo Boden und Klima den Getreideanbau unmöglich machten. Im Unterschied zu Getreide gedeiht Buchweizen auch auf nährstoffarmen Böden. In der Geest Norddeutschlands war er bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. Er stellte ein wichtiges Grundnahrungsmittel vor allem für die ärmere Landbevölkerung dar. Erst im 18. Jahrhundert ging der Buchweizenanbau zugunsten der Kartoffel zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er völlig bedeutungslos, weil der Einsatz von sogenanntem Kunstdünger den Anbau von Getreide und anderen ertragreicheren Feldfrüchten auch auf ärmeren Böden ermöglichte.
Meine Neuntklässler sind beeindruckt von der Kargheit des Lebens und der Ernährung vor 150 Jahren. Dass wir unseren Reichtum an Nahrungsmitteln heute zum großen Teil der Erfindung des Kunstdüngers zu verdanken haben, war ihnen bisher nicht bekannt. Ein guter Anlass, sich näher damit zu befassen.
Kunstdünger in der Landwirtschaft
Viele Menschen verbinden mit Kunstdünger eine Überdüngung der Böden und Gewässer. Diese Assoziation trifft eher auf vergangene Jahrzehnte zu, als es noch nicht möglich war, bedarfsgerecht sparsam zu düngen. Heute geht das mit Kunstdünger recht gut. Problematisch ist dagegen die Düngung mit stickstoffhaltiger Gülle aus der Tierhaltung. Das führt seit Jahren in vielen Regionen Europas zu einer zu hohen Nitratbelastung der Böden, Gewässer und auch des Grundwassers. Da die meisten Jugendlichen heute keine Einblicke in die Landwirtschaft haben, möchte ich ihnen diese Kenntnisse vermitteln.
Kunstdünger kann auch als Mineralstoffdünger bezeichnet werden. Es handelt sich nämlich um Mineralsalze, genauer um Kalium-, Phosphat- und Nitratsalze. Die Bezeichnung Kunstdünger kommt von dem industriellen Verfahren, Stickstoff aus der Luft für die Synthese von Ammoniak und schließlich von stickstoffhaltigen Düngemitteln wie Kaliumnitrat (KNO3) zu nutzen. Diese Erfindung geht auf die beiden Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch zurück. Gemeinsam entwickelten sie Anfang des 20. Jahrhunderts das heute nach ihnen benannte Haber-Bosch-Verfahren, das auch für ganz andere Zwecke eingesetzt wird. Doch dazu später mehr.
Dieses Verfahren revolutionierte Mitte des letzten Jahrhunderts die Landwirtschaft. Bis dahin konnten die Landwirte ihre Böden oft nur mit Mist und Jauche ihrer Nutztiere oder mit Kompost düngen....

Weiterlesen im Heft

Vorteile im Abo

Exklusiver Online-Zugriff auf die digitalen Ausgaben der abonnierten Zeitschrift
Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen